Frau Peter und die Berufung

Da Frau Peter neben Arbeit, Dissertationsprojekt und Privatleben anscheinend nicht genug zu tun hat, hat sie nun auch noch eine nebenberufliche Ausbildung begonnen. Eine Heilpraktikerausbildung zur Psychotherapeutin.

Psychologie interessiert Frau Peter schon seit Jahren. Gern hätte sie es studiert, aber der NC hat sie nach dem Abitur davon abgehalten. So groß war der Wunsch nach diesem Studium dann doch nicht, um sich so richtig in die Arbeit zu stürzen und ein 1,0er Abi zu erreichen. Immer nur das Nötigste tun, um zwar halbwegs gut, aber mit wenig Aufwand durch die Schule zu kommen. Das war (und ist teilweise immer noch) Frau Peters Motto.

Vor ein paar Jahren, als Frau Peter dreißig wurde, überlegte sie ihr Leben noch einmal völlig auf den Kopf zu stellen. Den sicheren Job aufgeben und stattdessen Psychologie an einer Privat-Uni ohne NC, aber mit horrenden Studiengebühren zu studieren. Letztendlich hat sie sich dagegen entschieden. Die Aussicht auf Verschuldung hatte Frau Peter den Gedanken an das Studium vermiest. Stattdessen entschied sich Frau Peter zu dieser Zeit dazu zu promovieren, und so ihrem Leben wieder etwas mehr Sinn zu geben.

Ganz losgelassen hat sie das Thema Psychologie aber nicht. Frau Peter wollte Menschen helfen. Warum also nicht ihre Gabe, dass Menschen von sich aus auf sie zukommen, Frau Peter von ihren Problemen berichten und um Rat fragen, zum Beruf machen?
Als sich Frau Peter vor einem dreiviertel Jahr mit einer Bekannten unterhielt, die selbst Psychologie studiert hat, dann aber beruflich in eine andere Richtung gegangen ist, erzählte ihr diese von der Möglichkeit der nebenberuflichen Ausbildung.

Frau Peter recherchierte ein bisschen, traf dann aber schnell aus dem Bauch heraus die Entscheidung, dass die nebenberufliche Ausbildung der richtige Weg für sie war. Schnell klärte Frau Peter die Formalia, bevor sich ihr Kopf wieder einschalten und sie von dieser Entscheidung abhalten konnte. Denn trotz des starken Wunsches nach der Psychologie-Ausbildung kamen in den Monaten zwischen der Entscheidung zur Ausbildung und dem tatsächlichen Beginn unzählige Zweifel auf. War es die richtige Entscheidung? Die Ausbildung ist teuer. Was, wenn Frau Peter das Geld in den Sand setzt? Die Ausbildung abbricht? War das Ausbildungsinstitut, für das sie sich entschieden hat, wirklich das richtige?

Die altbekannten Unsicherheiten, die Frau Peter auf jedem Schritt begleiten, traten wieder zu Tage.

Nun läuft die Ausbildung bereits seit ein paar Monaten und Frau Peter ist glücklich. In der ersten Stunde wusste sie, es war die richtige Entscheidung.
Ja, die Ausbildung mag nicht die günstigste sein, aber es ist eine Investition in sie selbst, in Frau Peter. Egal, was sie danach damit anfangen wird – ob sie sich mit einer eigenen Praxis selbständig macht oder das Wissen „nur“ in ihrem jetzigen Job anwendet – persönlich wird sieFrau Peter weiterbringen. Sie lernt, viel, vor allem über sich selbst.

Die Erkenntnis der ersten Unterrichtsstunde:
Wir können andere Menschen und / oder ihr Verhalten nicht ändern. Was wir ändern können, ist uns und unser eigenes Verhalten.

Eigentlich eine so einfache Aussage, trotzdem verliert sie Frau Peter gern aus den Augen.
Wenn Frau Peter wütend ist, weil etwas nicht klappt, ihr ein ungeliebter Kollege den Tag vermiest oder einfach nur die Bahn vor ihrer Nase wegfährt, verwünscht Frau Peter gerne mal die ganze Menschheit.
Seit neustem versucht sie stattdessen inne zu halten, durchzuatmen, und zu überlegen: Ändert ihre Wut etwas an der Situation? Nein.
Fühlt sich Frau Peter besser, wenn sie wütend ist? Vielleicht kurz, aber im Grunde verschwendet sie ihre Energie nur für etwas sinnloses.

Frau Peter kann weder den ungeliebten Kollegen, noch den Bahnfahrer, der wahrscheinlich nur versucht seinen Zeitplan einzuhalten, oder deren Verhalten ändern. Was sie ändern kann, ist ihr eigenes Verhalten der Situation gegenüber.

Warum also nicht mal lächeln? Oder die verpasste Bahn als Anlass zum Laufen nehmen, um mehr Aktivität in den Alltag zu bringen? Und der ungeliebte Kollege kann eine gute Übung in Geduld und Nachsicht sein. Meistens ist das, was uns an anderen Menschen stört auch das, was wir an uns selbst nicht mögen.

Frau Peter wird jedenfalls zukünftig versuchen, das Beste aus unliebsamen Situationen zu machen.

PS:

An dieser Stelle passend noch ein Disclaimer (wie es Neudeutsch so schön für „alle Angaben ohne Gewähr“ heißt): Ohne Heilerlaubnis darf Frau Peter nicht therapieren. Die Heilerlaubnis erhält sie erst, wenn sie eine Prüfung abgelegt hat. Das wird voraussichtlich erst in einem guten Jahr der Fall sein.
Jegliche hier, oder allgemein im Blog genannten Gedanken sind nur das, Gedanken! Genauer: Frau Peters Gedanken. Sie stellen keine Allgemeingültigkeit dar oder sind der Weisheit letzter Schluss. Sie sollen anregen, nichts weiter.

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